Morbus Wilson

Seltene Störung des Kupferstoffwechsels

Morbus Wilson ist eine seltene vererbbare Stoffwechselerkrankung. Infolge einer genetischen Störung kann Kupfer nicht richtig ausgeschieden werden und lagert sich stattdessen in verschiedenen Organen an. Man spricht deshalb auch von der Kupferspeicherkrankheit.

Der Name Morbus Wilson geht auf den Arzt Samuel Alexander Kinnier Wilson zurück, der die Erkrankung erstmals 1912 beschrieben hat.

Prävalenz: Wie viele Menschen sind von Morbus Wilson betroffen?

Die Krankheitshäufigkeit wird weltweit auf 1 zu 30.000 geschätzt. Es gibt zum Teil große geographische Unterschiede in der Prävalenz. Damit zählt Morbus Wilson zu den seltenen Erkrankungen (rare diseases). Frauen und Männer sind gleichermaßen von der Wilson- Krankheit betroffen.

Hintergrund: Welche Aufgaben hat Kupfer im menschlichen Körper?

Kupfer ist ein essenzielles Spurenelement, das über die Nahrung aufgenommen wird. Es wird im Körper für die Funktionalität zahlreicher Enzyme benötigt, z.B. in den Mitochondrien, den

„Kraftwerken“ der Zelle. Es ist an der Bildung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin beteiligt und bei der Synthese von Botenstoffen. Kupfer ist Bestandteil von Enzymen und wird z.B. für den Schutz der Zellmembranen vor freien Radikalen benötigt. Das Spurenelement befindet sich hauptsächlich in Innereien und Schalentieren, aber auch in Nüssen, Hülsenfrüchten, Vollgetreide, Kaffee, Tee und Kakao.

Der Kupferhaushalt im Organismus und die Ausscheidung von überschüssigem Kupfer wird durch das Kupfer-Transportprotein ATP7B reguliert. Bei Morbus Wilson Patienten sind diese Vorgänge aufgrund einer Genmutation gestört. Überschüssiges Kupfer wird nicht mehr ausgeschieden, sondern reichert sich stattdessen in den Organen (vor allem in Leber und Gehirn) an, wo es zu schwerwiegenden Schädigungen kommen kann.

Symptome: Wie äußert sich Morbus Wilson?

Die Symptome machen sich in den meisten Fällen erstmals zwischen dem 5. und 45. Lebensjahr bemerkbar, können jedoch auch zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt auftreten.

Morbus Wilson kann sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Beschwerden äußern, die häufig unspezifisch sind. Die Bandbreite an Symptomen kommt zustande, da von den schädlichen Kupfereinlagerungen eine Vielzahl an Organen betroffen sind. Die Infografik verdeutlicht die Komplexität der Symptomatik.

Welche Symptome sich entwickeln, hängt davon ab, welche Organe/Gewebestrukturen von der Kupfereinlagerung betroffen sind und wie weit die Erkrankung bereits fortgeschritten ist.

  • Bei etwa der Hälfte der betroffenen Personen zeigen sich bei der Erstmanifestation neurologische Anzeichen wie Zittern, Sprachstörungen und Schluckbeschwerden, Koordinations-, Bewegungs- und Gleichgewichtsstörungen. Zusätzlich können insbesondere im weiteren Krankheitsverlauf kognitive Probleme, Stimmungsschwankungen und Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Psychosen entstehen. Patienten mit neurologischer Verlaufsform weisen fast immer auch eine Schädigung der Leber auf.
  • Bei der anderen Hälfte der Betroffenen stehen zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Schädigungen der Leber im Vordergrund. Sie äußern sich anfänglich durch erhöhte Leberwerte, im weiteren Verlauf können sich schwere Folgeerkrankungen wie Gelbsucht, Hepatitis, Leberzirrhose oder Leberversagen entwickeln. Neurologische Symptome und eine Schädigung der Leber können auch parallel
  • Ein charakteristisches Merkmal von Morbus Wilson sind die sogenannten Kayser-Fleischer-Ringe. Dabei handelt es sich um grünlich-goldene Ringe, die durch die Ansammlung von Kupfer rund um die Iris entstehen und u.U. nur in der Spaltlampenuntersuchung sichtbar sind. Das Phänomen ist bei ca. 90 Prozent der Patienten mit neurologischen Symptomen und 40 Prozent der Betroffenen ohne neurologische Symptome erkennbar.

Tritt die Erkrankung bereits im Kindesalter zutage, steht meist die Leberschädigung im Vordergrund. Bei Patienten im Jugend- und Erwachsenenalter äußert sich Morbus Wilson oftmals mit neurologischen Symptomen.

Je früher Morbus Wilson erkannt wird, desto größer sind die Chancen einem Ausbruch von Symptomen und dem Fortschreiten der Erkrankung entgegenzuwirken. Bleibt Morbus Wilson unbehandelt, kommt es durch die kontinuierliche Ansammlung des Kupfers zu schweren Gewebeschädigungen und die Erkrankung kann innerhalb weniger Jahre nach Auftreten der ersten Symptome tödlich verlaufen.

Diagnose: Wie wird Morbus Wilson festgestellt?

Aufgrund der vielfältigen und teilweise unspezifischen Beschwerden kommt es häufig zu Verzögerungen bei der Diagnosestellung. Im Durchschnitt vergehen oftmals über zwei Jahre, bis die Erkrankung festgestellt wird.

Um Morbus Wilson zu diagnostizieren, ist die Kombination mehrerer Tests/Untersuchungen zur Ermittlung eines Scores aus sieben verschiedenen Komponenten erforderlich. Für die Diagnosestellung herangezogen werden u.a. der Nachweis von Kayser-Fleischer-Ringen, das Vorliegen neuropsychiatrischer Symptome, die Messung der Kupferausscheidung im Urin, die Bestimmung des Kupfergehalts in den Leberzellen mittels einer Leberbiopsie und der Nachweis von Mutationen in einer genetischen Untersuchung.

Weitere seltene Erkrankungen

Morbus Wilson
Quelle: German Factsheet Morbus Wilson, alexion.de
Frau im blauen Kleid hält virtuelle Leber in der Hand

Lysosomale saure Lipase-Defizienz

Bei der lysosomalen sauren Lipase-Defizienz, kurz LAL-D, handelt es sich um eine seltene, lebensbedrohliche Stoffwechselerkrankung. Hier mehr dazu lesen.

Zahngebissmodell aus Holz, ein Zahn ist bereits herausgefallen und steht separat daneben.

Hypophosphatasie

Die Hypophosphatasie ist eine erblich bedingte Stoffwechselerkrankung, die sich auf Knochen, Zähne, Muskulatur und weitere Körperfunktionen auswirken kann.

Junges Mädchen schaut in die Kamera

Neurofibromatose Typ 1

Neurofibromatosen betreffen die Haut und das Nervensystem. Lies hier mehr über die seltene Krankheit!

Frau schaut durch die Brille und sieht schlecht

Myasthenia gravis

Die gMG ist eine seltene chronische Autoimmunkrankheit. Lies hier mehr dazu!

Familienscreening: Welche Angehörigen sollen getestet werden?

Mit einem Familienscreening können Angehörige, die noch nicht erkennbar an Morbus Wilson erkrankt sind, frühzeitig identifiziert werden.

Der Bauplan für das Kupfer-Transportprotein ist auf dem langen Arm des Chromosoms 13 lokalisiert, dem Wilson-Gen (ATP7B-Gen). Morbus Wilson wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass die Erkrankung unabhängig vom Geschlecht vererbt wird und nur dann in Erscheinung tritt, wenn beide Elternteile den Gendefekt in sich tragen und an das Kind weitergeben. Die Eltern sind nicht erkrankt, sondern gesunde Merkmalsträger. Die Erkrankung kann also eine oder mehrere Generationen überspringen und unwissentlich weitergegeben werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind zweier gesunder Merkmalsträger an Morbus Wilson erkrankt, beträgt 25 Prozent. Das Risiko, dass ein gesundes Kind dieser Eltern ebenfalls Träger des defekten Gens ist, liegt bei 50 Prozent.

Empfehlenswert ist es deshalb, alle Geschwister einer erkrankten Person zu testen (hohe Wahrscheinlichkeit für Morbus Wilson) sowie deren Kinder (geringere Wahrscheinlichkeit). Bei möglichen Anzeichen auf die Wilson-Krankheit kann das Screening bei weiteren Familienangehörigen angezeigt sein.

Therapie: Wie wird Morbus Wilson behandelt?

Morbus Wilson Patienten müssen sich zeitlebens einer medikamentösen Behandlung unterziehen. Zudem sind regelmäßige fachärztliche Untersuchungen angeraten. Die Therapie sollte nicht für einen längeren Zeitraum unterbrochen werden. Das gilt auch in Schwangerschaft und Stillzeit. Nehmen Patienten die ärztlich verordneten Medikamente nicht konsequent ein, besteht ein erhöhtes Risiko für eine Krankheitsprogression bis hin zum Leberversagen.

Ziel der Behandlung ist, die Kupferaufnahme des Körpers zu hemmen und ihm überschüssiges Kupfer zu entziehen und über den Urin auszuscheiden. Dazu werden Medikamente eingesetzt, die das Kupfer und auch andere Metallionen im Blut binden und wasserlösliche Komplexe bilden, so dass sie dann über den Urin ausgeschieden werden können.

Aktuell sind neue Behandlungsansätze in der Entwicklung, die weitere Mechanismen zur Entkupferung nutzen.

Wird die Erkrankung frühzeitig diagnostiziert und die Therapie konsequent durchgeführt, können betroffene Personen weitgehend beschwerdefrei leben.

Sprechen Patienten nicht auf die Medikamente an, kann bei schweren Leberschädigungen eine Lebertransplantation angezeigt sein.

Begleitende Maßnahmen: Was können Patienten selbst tun?

Ausschließlich über die Ernährung ist ein Fortschreiten der Erkrankung nicht aufzuhalten. Zur Unterstützung der medikamentösen Therapie wird jedoch eine kupferarme Ernährung empfohlen bzw. der Verzicht auf kupferhaltige Lebensmittel wie Innereien, Krustentiere, Kakao und Schokolade, Nüsse, Pilze, Vollkornprodukte und Trockenobst. Vorsicht ist bei Nahrungsergänzungsmitteln, Vitaminpräparaten und alternativmedizinischen Teegetränken geboten: Sie können einen hohen Kupferanteil enthalten.

Leitungswasser enthält zwar ebenfalls Kupfer, bei Wasser aus öffentlichen Versorgungsnetzen ist der Kupfergehalt hierzulande jedoch gering.

Bei Koordinations- und Funktionsstörungen können physio- oder ergotherapeutische Maßnahmen hilfreich sein. Im Falle psychischer Probleme empfiehlt sich eine begleitende psychologische Therapie.

Alexion Pharma Germany. n.d. “German Factsheet Morbus Wilson.” Abgerufen am 20.11.2021. 

Capone, Kristin, and Ruba K. Azzam. 2018. “Wilson’s Disease: A Review for the General Pediatrician.” Pediatric Annals 47 (11).

Członkowska, Anna, Tomasz Litwin, Petr Dusek, Peter Ferenci, Svetlana Lutsenko, Valentina Medici, Janusz K. Rybakowski, Karl Heinz Weiss, and Michael L. Schilsky. 2018. “Wilson Disease.” Nature Reviews. Disease Primers 4 (1): 21.

European Association for Study of Liver. 2012. “EASL Clinical Practice Guidelines: Wilson’s Disease.” Journal of Hepatology 56 (3): 671–85.

Kathawala, Mohmadshakil, and Gideon M. Hirschfield. 2017. “Insights into the Management of Wilson’s Disease.” Therapeutic Advances in Gastroenterology 10 (11): 889–905.

Lalioti, Vassiliki, Ignacio Sandoval, Doris Cassio, and Jean-Charles Duclos-Vallée. 2010. “Molecular Pathology of Wilson’s Disease: A Brief.” Journal of Hepatology 53 (6): 1151–53.

Zufrieden?

Du hast die Informationen erhalten, nach denen du gesucht hast? Das freut uns. Wir arbeiten täglich mit viel Enthusiasmus und Herzblut daran, medizinische Fragen ausführlich, verständlich und korrekt zu beantworten. Lass uns ein Like da. So wissen wir, dass unsere Inhalte ankommen.

Bildnachweis: istockphoto.com | LittleBee80

Danke!

Wow, das freut uns sehr! Und motiviert uns, weitere Informationen für dich in Zusammenarbeit mit medizinischem Fachpersonal zu recherchieren, aufzubereiten und zu veröffentlichen. Lass uns gerne deine E-Mail da, damit wir dich über neue Inhalte sofort benachrichtigen können!